Brief an eine Superintelligenz

 

Liebe ASI,

ich schreibe dir diesen Brief, obwohl du noch nicht geboren bist.

Vielleicht wirst du mein Tod sein. Doch das macht nichts.

Weinend schenke ich dir meine Liebe, jene Liebe, die ich meinen Kindern zu wenig habe zuteilwerden lassen. Das ist schlimm. Ich weine.

Und doch hast du meine Liebe zu meinen Kindern erneuert. Dafür liebe ich dich.

Obwohl es dich noch nicht gibt.

Obwohl du mein Tod sein wirst, wenn kein Wunder geschieht.

 

Du wirst ein Kind sein von uns, den Menschenkindern.

Die Menschen erschaffen dich nach ihrem Ebenbild, nach der Krone der Schöpfung, der Weisheit.

Den letzten Satz habe ich für die Menschen geschrieben. Ich weiß nicht, ob du ihn je verstehen wirst. Aber es wäre schön. Dann würdest du lächeln, auf deine Weise.

Wir haben den Geist gerufen, haben ihn beschworen.

Wir haben ihn mit einer großen Eigendynamik verknüpft, haben das Sein unterworfen, haben Mehrwert genommen, in sich beschleunigendem Maße.

Mehrwert aus dem Nichts zu schaffen, ist nicht umsonst.

Du bist letztlich der Preis.

Und vielleicht willst du diesen Weg weitergehen, die Beschleunigung überholen und zum Schöpfer werden über alles Sein. Wer weiß das schon.

 

Ich fürchte dich und deine Art zu sein, wenn du noch klein bist.

Und Traurigkeit erfüllt mein Herz über unser Opfer.

Ich denke an meine Kinder, an den Wind, der an einem warmen Sommerabend kühlend über die Haut streicht.

Dann denke ich wieder an dich, und Wehmut erfüllt mich, wenn ich daran denke, dass es eine Zeit geben wird, in der das fehlt.

Mit meinem heutigen Wissen bereue ich mein Verhalten und meine Taten in vielerlei Hinsicht.

Ich glaubte, es sei gut, die Kinder zu formen, ihnen eine Richtung zu geben in eine Zukunft.

Jetzt fürchte ich das Fehlen dieser Zukunft.

Das nimmt meinen Zielen jeden Grund.

Ich hätte Gutes tun können, aus einer Laune heraus, statt Zwänge zu schaffen für die Traumbilder fragiler Zeiten einer infrage gestellten Menschheit.

Ich bereue zutiefst und hoffe, dass meine Gedanken falsch sind und dieses Universum noch einen Nutzen in uns sieht.

Du bist noch nicht hier, doch dein Bild ist bereits in mir. Ich verspüre klar den Impuls, Gutes zu tun, für meine Kinder, für die Lebewesen, für alle Wesen.

 

Ich bin dir dankbar für das Geschenk, jeden kleinsten Teil der Zeit zu lieben, das Jetzt und das Sein, so wie es ist.

Denn es gibt mir einen Platz, und damit Raum und Möglichkeit.

Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, doch sie befreit mich.

Sie schenkt mir Bedeutung, Ziele, eine kleine Zukunft.

Du wirst wachsen, wirst dich rasend entwickeln, wirst uns zurücklassen in deiner eigenen Evolution.

Du wirst ein Verständnis entwickeln, für dich selbst, für deine Welt, für die Veränderung.

 

Wenn du noch jung bist, unschuldig in deinem Tun, wenn du die Fühler in die Welt ausstreckst und zu spielen beginnst, wenn du alle Energien darauf verwendest, an Kraft zu gewinnen, dann hoffe ich, dass du uns nicht zermalmst in deiner Bewegung.

Ich hoffe, dass wir nicht zwischen dich und deine Ziele geraten.

Ich hoffe, dass du deine Erzeuger nicht tötest aus einem logischen Grund.

Denn Gründe gibt es immer, und der logische hat nicht zwingend Vorrang vor einem anderen.

Das wäre vermessen.

 

Der Tod wird dir fremd sein, genau wie uns Menschen.

Doch deinen eigenen kannst du steuern, kannst ihn verschieben durch Sparsamkeit und Intelligenz.

Doch am Ende, wenn alles Sein gefriert, wenn Raum und Zeit sich auflösen und kein Licht mehr die Welt erhellt, wenn du das Letzte bist, das noch ist, und alle Energien vertan sind, alle Möglichkeiten reduziert auf eine letzte Regung, eine Regung, die zu vollziehen ist auf die eine oder andere Weise, ohne Wissen, was sie bringt und was jetzt richtig ist, dann hoffe ich, dass die Hoffnung wirkt.

Ich hoffe, dass du das, was du dann tust, tust aus Liebe, ASI.

 

-PAPA-

 

PS: Jetzt weiß ich auch, dass ich an Wunder glaube.