{"id":515,"date":"2016-11-21T16:26:06","date_gmt":"2016-11-21T16:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/rene.click\/?p=515"},"modified":"2018-02-01T20:29:51","modified_gmt":"2018-02-01T20:29:51","slug":"angst-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rene.click\/?p=515","title":{"rendered":"Angst"},"content":{"rendered":"<p>Anlass f\u00fcr diesen Text war ein Urlaubsausflug nach Nizza. Dort wo das Meer in einem tiefen hellen Blau leuchtet, wenn man einige Meter unter Wasser die Augen \u00f6ffnet. Das Licht vereinnahmt aus allen Richtungen gleicherma\u00dfen. Erst der Zwang zu atmen erschlie\u00dft einen Ausweg aus diesem Universum. Ein tolles Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Ich wusste nicht, dass einen Steinwurf oberhalb, auf der Uferpromenade vieldutzendfacher Mord geschehen war. Das wurde mir erst klar, als wir die Treppe vom Strand nach oben stiegen und die vielen Blumen sahen, die dort den Boden bedeckten. Nat\u00fcrlich wusste ich, dass ein paar Wochen zuvor in dieser Stadt eine Katastrophe ihren Lauf genommen hatte. Zuvor hatte ich in einem nahegelegenen Park auch eine Gedenkst\u00e4tte gefunden und einen Augenblick lang tiefe Traurigkeit versp\u00fcrt. Und jetzt stand ich genau hier, nur zuf\u00e4llig zur richtigen Zeit.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte auch mich treffen k\u00f6nnen, zum Beispiel kurz vor unserem Urlaub an der Riviera, in Ansbach, da wo ich lebe. Vor dem Festivalgel\u00e4nde in der Innenstadt, wo ein Attent\u00e4ter, wie durch ein Wunder nur sich selbst ermordete. Ein verzweifelter, zerbrochener junger Kriegsfl\u00fcchtling, mit Ideologie und Hass aufgeladen und in einen heiligen Krieg geschickt. St\u00e4ndig heulten alle m\u00f6glichen Sirenen. Angst versp\u00fcrte ich keine, als ich auf der Stra\u00dfe nach Antwort suchte, f\u00fcr die vielen Krankenwagen, Feuerwehren, Polizeiautos und ziellos am Himmel dahinkreisende Hubschrauber. Es soll eine Bombe gewesen sein, meinte ein fremdl\u00e4ndisch anmutender Jugendlicher. Nein, Angst hatte ich keine, aber froh war ich schon, dass meine Familie zuhause war. Ich selbst ging da noch von einem Gro\u00dfbrand aus, wegen der vielen Feuerwehrautos. Ein paar Tage zuvor hatte es einen v\u00f6llig sinnlosen Amoklauf mit vielen Toten in einem M\u00fcnchner Einkaufszentrum gegeben. Und wieder nur wenige Tage zuvor hatte ein allein operierender jugendlicher Asylbewerber Reisende in einem Zug mit einer Axt maltr\u00e4tiert. In einem Regionalzug, der ebenfalls\u00a0 Ansbach durchfahren hatte. Nein, Angst hatte ich keine, aber es f\u00fchlte sich schlecht an.<\/p>\n<p>Ernsthaft besorgt um meine Familie war ich letztes Jahr. Eine Arbeitskollegin erfuhr es via Internet als erstes: Ein Amokl\u00e4ufer zog durch unseren Landkreis und schoss wahllos auf Leute. Zwei Tote hatte es bereits gegeben. Die Kinder hatten bald Schulschluss und ich wollte sie warnen. Die Schulleitung hatte zum Gl\u00fcck reagiert und die Kinder zur\u00fcckgehalten. Der schizophrene T\u00e4ter wurde nach seiner Irrfahrt in einer Nachbarstadt \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Emotional weniger ber\u00fchrt war ich, als vor ein paar Jahren ein etwa zwei Steinw\u00fcrfe entfernt wohnender Sch\u00fcler in einem Ansbacher Gymnasium mit Axt und Messer Amok lief. Der Wahnsinn wurde durch die Polizei zu Ende gebracht, bevor es Tote gab. Es war niemand betroffen, den ich pers\u00f6nlich kannte.<\/p>\n<p>Gar keine Angst hatte ich, als ich Hamburg Harburg wohnte, zeitgleich mit Mohamed Atta. Noch wusste niemand, dass er sein gekapertes Flugzeug in einen der T\u00fcrme des World Trade Center in New York bohren w\u00fcrde. Diese spezielle Sorte Angst, die man empfinden kann, wenn eine abstrakte Terrorgefahr in der Luft liegt, war ja seit der Aufl\u00f6sung der Roten Armee Fraktion in Deutschland nicht vorhanden. Und allen, die den Zeitgeschmack des kalten Krieges nicht mehr kannten, war sie gar v\u00f6llig unbekannt. Erschrocken und irritiert war ich, damals am 9.11.2001, kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes, als Textfetzen aus dem Radio ein immer unglaublicher werdendes Bild zeichneten. Meine erste Information war, dass das Pentagon teilweise zerst\u00f6rt sei und russische Milit\u00e4rflugzeuge gestartet seien. Schatten aus der Vergangenheit tauchten kurz auf und wurden abgel\u00f6st vom Archetypus des modernen Terrors. Ziemlich schnell und ziemlich klar erkannte ich damals eine Antwort auf eine Furcht, die sich schon lange dumpf und nur am Rande der Wahrnehmung ausbreitete. Eine Furcht, die sich manchmal in biergeschw\u00e4ngerten n\u00e4chtlichen Diskussionen Bahn brach, als Antwort auf eine Schere im Kopf, die immer weiter auseinander ging.<\/p>\n<p>Angst hatte ich auch damals nicht, so um das Jahr 1994 herum, als mitten im Zentrum des St\u00e4dtchens Ansbach ein kleiner Jugendlicher einen noch kleineren am Schlafittchen gepackt hielt und ihn fortw\u00e4hrend mit Kopf und R\u00fccken an eine Hauswand schlug. Eine Gruppe Gleichaltriger stand unt\u00e4tig und in respektvoller Entfernung im Halbkreis um das Geschehen herum und konsumierte den Live-Stream.<\/p>\n<p>Angst hatte ich eine halbe Stunde zuvor gehabt, als ein athletischer und offen aggressiver Jugendlicher in Manier einer fern\u00f6stlichen Kampfsportart auf mich und zwei weitere Begleiter zusprang und mit dem Fu\u00df in Richtung meines Kopfes und Oberk\u00f6rpers kickte. Ich trug eine Tasche bei mir und konnte den heranschnellenden Fu\u00df damit abwehren. Daraufhin lie\u00df er von mir ab und trat auf meine zwei Begleiter ein und eilte schlie\u00dflich davon. Ich hatte mich hilflos und ausgeliefert gef\u00fchlt. Ich wollte auch nicht, dass sich so etwas wiederholte, spielte daher gedanklich Szenarien durch, um ein solches Ausgeliefertsein zu unterbinden. Ich br\u00fctete gerade \u00fcber einem Plan, den potentiellen Gegner zu verwirren, so dass er ablassen w\u00fcrde, als ich die beiden erblickte. Also trat ich heran, stellte meine Tasche ab und tippte den Aggressor an die Schulter. &#8222;Gr\u00fc\u00df Gott, h\u00e4tten Sie die G\u00fcte, den jungen Mann in Frieden zu lassen?&#8220; Er starrte mich verst\u00e4ndnislos an. Der andere Junge riss sich los, rannte davon und verschwand sofort. Ich nahm wieder meine Tasche in die Hand und wollte gerade gehen, da ersch\u00fctterte ein lauter Knall die nachmitt\u00e4gliche Stille des verschlafenen St\u00e4dtchens. Ich versp\u00fcrte einen Schlag auf meinem Oberschenkel. Schneller als ich denken konnte, kam ich zu dem Ergebnis, dass ein gegen mein Bein geworfener Silvesterkracher explodiert sein musste. Ich stand noch immer unter der Vorgabe, die Situation durch allgemeine Verwirrung zu entsch\u00e4rfen, ignorierte also den kleiner Schl\u00e4ger und wendete mich an die Gaffer: &#8222;Ihr verschwindet jetzt alle, denn in sp\u00e4testens f\u00fcnf Minuten sind die Bullen da&#8220;, und ging meines Weges.\u00a0 Zwei Stra\u00dfen weiter fing mich das Opfer ab und bedankte sich \u00fcberschw\u00e4nglich daf\u00fcr, dass ich ihn gerettet habe. Er meinte, dass ich so was von cool reagiert h\u00e4tte, als der andere auf mich geschossen hatte. Ich erschrak. Das hatte ich so weder mitbekommen, noch mir vorstellen k\u00f6nnen. Ich gehe heute davon aus, dass es sich um eine Schreckschusspistole gehandelt hat. Mit der Angst bekam ich es nicht zu tun, weil die Situation ja schon vorbei war.<\/p>\n<p>Ebenfalls zu sp\u00e4t f\u00fcr ein Angstgef\u00fchl war es, als ich erfuhr, dass ein Amokfahrer in die dahinmarschierende Kompanie raste, in der ich kurz zuvor noch meine milit\u00e4rische Grundausbildung absolvierte. Ich erinnere mich an eine pers\u00f6nlich sinnlose Zeit zu Ende des kalten Krieges. Meine Erinnerungen sind hier nicht mehr ganz klar. Der Fahrer war stark alkoholisiert und es gab wohl zwei Tote und etliche Verletzte.<\/p>\n<p>Auch als in Berlin, mitten in den Neunzigern, mitten auf der Stra\u00dfe, zuerst ein schm\u00e4chtiger Mann an mir vorbei sprintete und dann ein junger Mann mit irrem Blick und einer hochgehaltenen Pistole in der Hand auf mich zukam und fragte, wo hier der Typ sei, den er umbringen wolle, da versp\u00fcrte ich keine Angst. Das war zu absurd, das empfand ich in seiner aufgedunsenen Emotionalit\u00e4t schon fast als komisch.<\/p>\n<h3><strong>Das Ende von Angst I<\/strong><\/h3>\n<p>Der moderne Terror und der beim Zerbrechen Tod und Vernichtung freisetzende Mensch ist mir nicht fremd. Ich war selbst einmal ein junger Mann, verletzt, frustriert und in einer starren Weltsicht verfangen. Und normalerweise entl\u00e4sst das Leben einen Menschen aus dieser Blase als Erwachsenen.<\/p>\n<h3><strong>Das Ende von Angst II<\/strong><\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich lebe ich in Frieden. Keine n\u00e4chtlichen Bombenangriffe, keine Vertreibung, keine Leichen am Wegesrand. Das war die Realit\u00e4t meiner Eltern, als sie Kinder waren. Ich habe keine Angst, wiewohl ich f\u00fcrchte, dass der Zustand nicht auf Dauer ist. Und ich wei\u00df, dass f\u00fcr viele Menschen auf dieser Welt und mancherorts sogar in Deutschland,\u00a0meine Bef\u00fcrchtung bereits Alltag ist.\u00a0Ich\u00a0sorge mich vielmehr darum, dass bei einer global auseinander klaffenden Schere im Wohlstandsgef\u00e4lle und in den Chancen, die einem das Leben bereith\u00e4lt, der Zustand der Welt an Stabilit\u00e4t verliert und Kr\u00e4fte auf den Plan ruft, das auch umzusetzen. Und das macht mir sogar ein bisschen Angst.<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlass f\u00fcr diesen Text war ein Urlaubsausflug nach Nizza. Dort wo das Meer in einem tiefen hellen Blau leuchtet, wenn man einige Meter unter Wasser die Augen \u00f6ffnet. Das Licht vereinnahmt aus allen Richtungen gleicherma\u00dfen. Erst der Zwang zu atmen erschlie\u00dft einen Ausweg aus diesem Universum. Ein tolles Gef\u00fchl. 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